Was ist MiÖ-SAKON? Eine Einführung

Zum Arbeitsprozess hinter MiÖ-SAKON

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Der Stand der Dinge vor Projektbeginn

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Von Beispielen zu Phänomenen

Wie bereits herausgearbeitet, bestand die erste Herausforderung in der zum Teil durch die große Zeitspanne zwischen den Publikationen bedingten heterogenen Klassifikation diverser angeblicher Kontaktphänomene. Dieser Abschnitt beschreibt den von einer Beispielsammlung ausgehenden Arbeitsprozess hin zur Erarbeitung einer konsistenten und für die systematische Weiterbearbeitung der Phänomene adäquaten Klassifikation.

Schritt 1: Anlegen einer Beispielsammlung

Als erster Schritt wurde eine Liste der in zentraler Literatur aus den Bereichen der Areallinguistik, des slawisch-deutschen Sprachkontakts (in Österreich) sowie zum Deutschen in Österreich genannten Sprachbeispiele für Areal- oder Kontaktphänomene angelegt. Bearbeitet wurden in diesem Schritt nicht sämtliche verfügbare Werke, sondern nur eine Auswahl. Weitere relevante Literatur wird im Rahmen der jeweiligen Artikel eingearbeitet. Es handelt sich bei den Werken, auf denen die Listen basieren, um:

aus dem Bereich der Areallinguistik

zu slawisch-deutschem Sprachkontakt (in Österreich):

mit Fokus auf das Deutsche in Österreich und seine Charakteristika

 

Schritt 2: Klassifikation der Beispiele

Dieser Abschnitt wird aktuell bearbeitet!

Nach "Zeitlevels" des Sprachkontakts

In einem ersten Schritt werden die Beispiele nach den bei Muysken (2010: 268) – wie in der folgenden (vereinfachten) Tabelle  – aufgelisteten vier, in der Kontaktlinguistik zu unterscheidenden Aggregations- und Zeitlevels (orig.: levels of aggregation and time depth) eingeteilt.

  Raum Zeit Kontaktszenarien
PERSON LEVEL mehrsprachiges Individuum 0–50 Jahre Kognition und Mehrsprachigkeit
MICRO LEVEL mehrsprachige Gesellschaft 20–200 Jahre spezifische Kontaktszenarien
MESO LEVEL geografische Region generell 200–1000 Jahre globale Kontaktszenarien
MACRO LEVEL größere Weltregion weiter zurückliegend vage oder gar keine Kontaktszenarien

Die Tags "PERSON" und "MESO" wurden aus verschiedenen Gründen nicht vergeben:

  1. Die Beispielliste enthält ausschließlich Belege, die als in einer bestimmten Sprechergruppe etabliert oder für eine bestimmte Sprechergruppe typisch und in dieser als mehr oder weniger stabil beschrieben werden. Insbesondere bei Werken wie Schuchardt (1884) ist die Grenze zu Interferenzen auf der Ebene des mehrsprachigen Individuums nicht immer klar zu ziehen, doch sind solche Abwägungen einzeln zu treffen. Daher wurde der Tag "PERSON" nicht vergeben.
  2. Das Kontaktszenario in Zentraleuropa mit slawischen, germanischen und finno-ugrischen (bzw. vor diesen anderen, nicht eindeutig zuordenbaren wie dem Hunnischen oder Awarischen) Sprachen entstand erst zwischen 600 und 800 n. Christus. Auch auf Grund von dünner schriftlicher Überlieferung wurde in der Erforschung sprachlicher Konvergenzprozesse in diesen letzten 1400–1200 Jahren meist auf primär kontrastive arealtypologische Methoden zurückgegriffen, also die Disziplin, die Muysken (2010: 268) für die Erforschung der MAKRO-Ebene vorsieht. Erst durch das systematische Erschließen älterer Quellen und der kontrastiven, datenbasierten Erforschung der Sprachgeschichte der relevanten Sprachen könnte eine MESO-Ebene klar von der MIKRO- oder auch MAKRO-Ebene unterschieden werden. Daher wurde der Tag "MESO" vorerst nicht vergeben.

 

Nach (haupt-)beteiligter Wortart

 

Nach linguistischer Ebene – oberflächliche Klassifikation

 

Nach linguistischer Ebene – tiefergehende Klassifikation

 

Schritt 3: Gruppierung der Beispiele über Einzelphänomenen zu Phänomengruppen

Basierend auf diesen Klassifikationen wurden zunächst Einzelphänomene identifiziert, wobei diese als Abstraktionen von konkreten, (quasi-)identen Beispielen verstanden werden. Jedem dieser Einzelphänomene ist im Abschnitt zu den Kontaktphänomenen je ein Kapitel gewidmet.

Um die theoretischen Hintergründe konziser beschreiben zu können, wurden die Einzelphänomene darüber hinausgehend zu Phänomengruppen zusammengefasst, innerhalb derer prinzipiell davon ausgegangen werden kann, dass die ihnen zugeordneten Einzelphänomene bestimmte strukturelle und semantische Eigenschaften teilen und somit über ähnliche Prozesse erklärt werden können. Die entsprechenden Hintergründe werden primär im Rahmen der Überblicksartikel nach linguistischen Ebenen und Phänomenbereichen ausgeführt. Ein erster Überblick zu den Phänomengruppen im Bereich der "Grammatik" (Morphonologie, Morphologie, Morphosyntax und Syntax) findet sich hier.

 

Referenzen

Muysken, Pieter (2010): Scenarios for Language Contact. In: The Handbook of Language Contact. Hrsg. von Raymond Hickey. Chichester: Wiley-Blackwell (Blackwell Handbooks in Linguistics). S. 265–281.

 

Zitiervorschlag:
Kim, Agnes (2021): Von Beispielen zu Phänomenen. In: Kim, Agnes/Newerkla, Stefan Michael (Hgg.): MiÖ-SAKON – Sprachliche Areal- und Kontaktphänomene im Deutschen in Österreich. Online verfügbar unter: #Link zur Seite#.
Text und Bearbeitung: Agnes Kim
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Phänomengruppen im Überblick: Von Morphonologie bis Syntax

Diese Seite gibt einen Überblick zu den nach dem hier beschriebenen Verfahren als Gegenstand für MiÖ-SAKON identifizierten Phänomengruppen auf den Ebenen der "Grammatik", genauer der Morphonologie, Morphologie, Morphosyntax und Syntax. Näher beschrieben werden diese in den unten verlinkten phänomenbereichsspezifischen Überblicksartikeln. An dieser Stelle erfolgt ein allgemeiner Überblick zur Häufigkeit der Beschreibung von Phänomenen aus bestimmten Bereichen im Laufe der Untersuchungszeit (19., 20. und 21. Jahrhundert) sowie der Anzahl der gegebenen Beispiele über die Literatur hinweg. Diese Aspekte werden in Tabelle 1 zusammengefasst.

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Tabelle 1: Phänomengruppen auf den Ebenen Morphonolgie, Morphologie, Morphosyntax und Syntax im Überblick

Anhand des folgenden Überblicks nach diversen Kriterien wird in der Folge eine Prioritätenliste für die Untersuchung von arealen und Kontaktphänomenen im Deutschen in Österreich erarbeitet.

 

Allgemeiner Überblick

In den Bereichen Morphonologie, Morphologie, Morphosyntax und Syntax konnten basierend auf den Exzerpten insgesamt 23 Phänomengruppen identifiziert werden, die auf die verschiedenen Ebenen, wie Tabelle 2 zeigt, unterschiedlich verteilt sind.

  Anzahl der Phänomengruppen Anzahl der genannten Beispiele Anzahl der untersuchten Quellen, die Beispiele nennen
Syntax 13 397 10
Morphosyntax 3 27 4
Morphologie 6 157 8
Morphonologie 1 2 1

Tabelle 2: Überblick zu den behandelten linguistischen Ebenen

Generell werden für die Übergangsbereiche Morphosyntax und Morphonologie weniger potentielle Kontaktphänomene (von weniger Quellen und mit weniger Beispielen) genannt, als für Morphologie und Syntax. In Bezug auf letzterer liegt der Schwerpunkt nach allen Kriterien auf der Syntax, für die immerhin zehn der Quellen 397 Beispiele, die 13 Phänomengruppen zugeordnet werden können, bringen. Aus dem syntaktischen Bereich stammen auch fünf der sechs in Phänomenbereiche (umrandet in Tabelle 1), die vom 19. bis ins 21. Jahrhundert in der Literatur besprochen wurden bzw. werden.

An dieser Stelle muss der Artikel noch ergänzt werden!

Daran schließt sich die Beobachtung an, dass im Bereich der Syntax alle Phänomengruppen als Musterreplikationen (pattern replications) klassifiziert werden können, wohingegen dies im Bereich der Morphologie nur auf das "Repertoire von Reflexivpronomina", sowie das "Tempusrepertoire" von nur einem Futur-, einem Präsens- und einem Vergangenheitstempus zutrifft. Letzeres Phänomen wird zusätzlich als arealtypologisches und daher nur in der entsprechenden Literatur (Haarmann 1976, Kurzová 1996, Thomas 2008) genannt. Zwei weitere Phänomene sind als morphologische Entlehnungen (matter borrowings) einzustufen: Sowohl im Bereich der Flexion als auch der Derivation werden Entlehnungen von slawischen Suffixen diskutiert. Im Bereich der Derivation, auf die bis ins 21. Jahrhundert verwiesen wird, während die Flexion nur im 19. Jahrhundert, also während der Phase intensiven Kontakts in der Habsburgermonarchie behandelt wurde, ist noch eine Abgrenzung von der Lexik bzw. lexikalischen Entlehnungen ausständig.

Außerdem finden sich im Bereich der Morphologie auch Phänomengruppen, die nicht durch die Entlehnung von Mustern (bzw. Konstruktionen) oder sprachlichem Material (Suffixen oder Lexemen), sondern eher durch die Spracherwerbs- und Sprachgebrauchsbedingungen erklärt werden können. Die "Verwendung dialektaler Formen" ist eher durch die Orientierung mancher Gruppen zweisprachiger Sprecherinnen und Sprecher an non-standardsprachlichen Varietäten des Deutschen bedingt; die "Verbalflexion durch postponierte Personalpronomina" kann am adäquatesten im Kontext einer selbstständigen Lernergrammatik (oder einer interlanguage) analysiert werden. Ähnliches gilt für die morphosyntaktischen Phänomenbereiche der "Bildung spezifischer Tempusformen" sowie der "Kongruenz". Die "Bildung des Possessivpronomens" ist hingegen eine Musterreplikation.

Basierend auf diesem ersten Überblick lässt sich die Annahme formulieren, dass im Bereich der "Grammatik" insbesondere syntagmatische (syntaktische) und paradigmatische (morphologische und morphosyntaktische) Musterentlehnungen als slawische Kontaktphänomene im Deutschen in Österreich beschreib- und beobachtbar sind.

 

Überblick zu den Phänomengruppen nach Behandlung in der Literatur

Von den 23 identifzierten Phänomengruppen werden nur neun von drei oder mehr Quellen erwähnt, von diesen wiederum sieben in sowohl Quellen aus dem 19. und dem 20./21. Jahrhundert. Jene Phänomene hingegen, die nur von einer oder zwei Quellen behandelt werden, werden mit einer Ausnahme nur im 19. Jahrhundert diskutiert, wie Tabelle 3 veranschaulicht.

Anzahl der behandelnden Quellen Quellen nur aus dem 19. Jh. Quellen nur aus dem 20./21. Jh. Quellen aus sowohl dem 19. wie auch dem 20./21. Jh.
1 9 Phänomengruppen    
2 4 Phänomengruppen   1 Phänomengruppe
3 1 Phänomengruppe 1 Phänomengruppe (vgl. hier) 1 Phänomengruppe
4     1 Phänomengruppe
5     3 Phänomengruppen
7     1 Phänomengruppe
8     1 Phänomengruppe
Gesamt 14 Phänomengruppen 1 Phänomengruppe 8 Phänomengruppen

Tabelle 3: Phänomengruppen nach Anzahl der behandelnden Quellen und Zeitraum

Geht man davon aus, dass Phänomenbereiche, die seit dem 19. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert wiederholt behandelt oder zumindest genannt werden, jene sind, die das Deutsch ein Österreich auch in der Gegenwart noch prägen, sind für eine Untersuchung in rezenten Korpora aus der Syntax insbesondere die Präpositionswahl in der Präpositionalphrase, die Verwendung von Präpositionalargumenten anstatt von reinen Kasusargumenten, die Verwendung spezifischer Verbformen, die Reflexivkonstruktion sowie die doppelte Verneinung relevant. Im Bereich der Morphosyntax sind bestimmte Aspekte der Kongruenz (insbesondere von Reflexivpronomina), in der Morphologie die in den Bereich der Lexik reichende Derivation mit entlehnten Suffixen sowie – u. a. weil auch im Zusammenhang mit der Reflexivkonstruktion zu sehen – das Repertoire an Reflexivpronomina von besonderem Interesse.

Umgekehrt liegt die Vermutung nahe, dass Phänomenbereiche, die nur im 19. Jahrhundert und damit von direkten Beobachtern der zahlreichen slawisch-deutschen Kontaktszenarien beschrieben wurden, solche sind, die zwar diverse Lernerregister oder auch für ethnolektale Varietäten des Deutschen prägten, sich jedoch nicht außerhalb dieser im Deutschen stabilisieren konnten. In entsprechenden Korpora wäre demnach im Bereich der Syntax insbesondere die Untersuchung der Wortstellung, Kasuszuweisung durch das Verb oder die Präposition, die Verwendung des Negationspartikels nichts, die Elision von Artikel oder Pronomen sowie Konnektor- und Komparativkonstruktionen anzudenken. Aus der Morphosyntax fallen die Bildung von spezifischen Tempusformen, die Bildung von Possessivpronomina, aus der Morphologie die Verbalflexion durch postponierte Personalpronomina sowie die Flexion mit entlehnten Suffixen und die Verwendung dialektaler, nicht-standardsprachlicher Formen in diese Kategorie. Für andere, ausschließlich im 19. Jahrhundert erwähnte Phänomenbereiche wie etwa für die Kontraktion von Präposition und Artikel liegen bereits Argumente gegen die Kontakterklärung vor.

Die einzige Phänomengruppe, die ausschließlich im 20. und 21. Jahrhundert erwähnt wird, das Tempusrepertoire in den zentraleuropäischen Sprachen, das nur im Kontext bestimmter, nämlich areallinguistischer Literatur bearbeitet wird (vgl. unten).

Abhängig vom konkreten Forschungsinteresse ermöglicht dieser Überblick, Phänomene von besondererer Priorität zu identifizierten. Bei primärem Interesse am potentiellen Einfluss historischen Sprachkontakts auf das gegenwärte Deutsch in Österreich ist insbesondere ein Fokus auf syntaktische Phänomene und dabei primär auf die Präpositionswahl in der Präpositionalphrase, die Verwendung des Präpositionalargument anstatt von reinem Kasus sowie von spezifischen Verbformen, die Reflexivkonstruktion sowie die doppelte Verneinung zu legen. Werden historische Quellen hingegen auf ethnolektal "slawisch" markiertierte Phänomene hin analysiert, sind andere Phänomene von Relevanz.

 

Überblick zu den Phänomengruppen nach Anzahl der gegebenen Beispiele

Ein Überblick über die Phänomengruppen nach Anzahl der in der Literatur gegebenen Beispiele kann Hinweise auf potentielle Reihenbildungen von einzelnen Phänomenen sowie auf die Aufmerksamkeit, die ihnen in der Literatur zukam, bieten. Diese beiden Aspekte können Indikatoren für die Verbreitung bestimmter Phänomene sein. Dabei ist natürlich zu beachten, dass die identifizierten Phänomengruppen abhängig davon, ob sie eher konkrete Konstruktionen (etwa die Komitativkonstruktion) oder geschlossene Paradigmata (etwa die Reflexivpronomina) oder offene Konstruktionen (etwa Wortstellung) betreffen, per se von unterschliedlicher Konkretheit sind und demnach unterschiedlichen Umfang haben. Diese drei Faktoren können nur durch empirische Studien und genaue Beschreibungen gegenander abgewogen werden.

Abbildung 1 stellt die Anzahl der für jede Phänomengruppe gegebenen Beispiele in der durchsuchten Literatur dar.

 

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Abbildung 1: Phänomengruppen nach Anzahl der für sie gegebenen Beispiele

Wie aus der Abbildung ersichtlich, befinden sich unter den durch sehr viele Beispiele in der Literatur belegten Phänomengruppen wieder hauptsächlich solche aus dem Bereich der Syntax, jedoch auch aus jenem der Morphologie. Besonders Aspekte der Präpositionswahl werden intensiv besprochen und belegt, an zweiter Stelle folgt jenes der Derivation mit entlehnten Suffixen. Auch die Reflexivkonstruktion und das damit in Zusammenhang stehende Repertoire von Reflexivpronomina sowie Phänomene, die primär für ethnolektale Register im 19. Jahrhundert beschrieben wurden (Elision von Artikel oder Pronomen, Verbalflexion durch postponierte Personalpronomina, Wortstellung, Konnektorkonstruktionen) sind gut, allerdings primär von einem Werk (s. unten) belegt.

 

Überblick zur untersuchten Literatur nach behandelten Phänomengruppen

 

Überblick zur untersuchten Literatur nach Anzahl der gegebenen Beispielen

 

 

Syntax

Morphosyntax

Morphologie

Morphonologie

 

Zitiervorschlag:
Kim, Agnes (2021): Phänomengruppen im Überblick: Von Morphonologie bis Syntax. In: Kim, Agnes/Newerkla, Stefan Michael (Hgg.): MiÖ-SAKON – Sprachliche Areal- und Kontaktphänomene im Deutschen in Österreich. Online verfügbar unter: #Link zur Seite#.
Text und Bearbeitung: Agnes Kim