Kontaktphänomene

Dieser Abschnitt enthält die Artikel zu den einzelnen Kontaktphänomenen. Die Sortierung erfolgt initialalphabetisch nach dem Titel des Artikels. Für einen systematischen Zugang empfehlen wir die Überblicksartikel nach Wortarten bzw. linguistischen Ebenen und Phänomenbereichen.

Artikelstruktur

Komparation

Komparation

Präpositionalphrasen in Vergleichssätzen mit dem Komparativ

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Kontraktion von Präposition und Artikel

Kontraktion von Präposition und Artikel

Kontraktion von Präposition und definitem Artikel

1. Beispiele und Belege

1.1 Beispiele und Belege nach Quellen

DiÖ alternative, "standarddeutsche" Variante slawische Variante Quelle
am Eis, am Feld auf dem Eis, auf dem Feld

siehe 1.2

Schuchardt 1884: 116

1.2 Anmerkungen aus den Quellen

Schuchardt (1884: 116) bringt die erwähnte Kontraktion von Präposition und definitem Artikel (auf dem > am) im Kontext der Vertretung der Präposition auf durch an im „Slawo-deutschen“, also im durch Personen mit slawischer Erstsprache gesprochenen/erlernten Deutsch. Allerdings weist er explizit darauf hin, dass dieses Phänomen „echt östreichisch-deutsch [!] ist, nämlich auf lautlicher Vertretung beruht“, was jedoch „von Manchen" übersehen werde. Daraus ist zu schließen, dass zeitgenössisch eine Kontakterklärung diskutiert wurde, nicht jedoch, durch wen sie vertreten wurde. Zwei Jahre später stellt sie  auch Nagl (1887: 385) in den Raum, wenn er über die „Verwechslung“ der Präpositionen an und auf in Österreich schreibt, es sei zu beachten

[.,.] dass auf und an im Čechischen gleichermassen na heisst, dass der Čeche von jeher für beide Beziehungen (an und auf) eigentlich nur dieses na hat. In den anderen deutschen Dialekten kommt meines Wissens diese Verwechslung nicht vor, wir Österreicher können sie immerhin einer Anlehnung ans Čechische verdanken.
[Hervorhebungen A.K.]

Gleichzeitig verweist auch Nagl (1887) indirekt auf die Reduktion unbetonter Silben in den (ost)österreichischen (mittelbairischen) Dialekten, aus denen er den Zusammenfall der Syntagmen auf dem und an dem > am erklärt (vgl. dazu Nagl 1886: 99).

 

2. Hinweise/Ergebnisse für Untersuchungen

2.1 Plausibilität

nicht plausibel

Die in den Quellen bezogenen Positionen deuten an, dass die Kontakterklärung für die Kontraktion der Präposition auf mit dem definiten Artikel zu am im Sinne einer Replikation des tschechischen Musters im 19. Jahrhundert zwar diskutiert wurde, jedoch nicht überzeugen konnte. Sie ist auf Grund der Plausbilität der alternativen, intern-phonologischen Erklärung zurückzuweisen. Ob eine „Anlehnung“ im Sinne Nagls (1887) bzw. ein dahingehendes Konvergenzphänomen vorliegt, dass die im Standarddeutschen durch auf und an ausgedrückten Lagebeziehungen des inneren zum äußeren Objekt der Präpositionalphrase in (ost)österreichischen Dialekten nicht (so deutlich) unterschieden werden und sie darin tschechischen Varietäten ähneln, müsste überprüft werden.

2.2 Diachrone Aspekte

nicht erforscht

Es liegen keine Studien vor, die sich explizit auf das Deutsche in Österreich beziehen und diese Form der Kontraktion behandeln. Zur Entwicklung der Kontraktion von Präpositionen und bestimmten Artikeln im Allgemeinen vgl. Nübling (2005) und Christiansen (2016).

2.3 Areale Aspekte

Erste Indizien: Häufiger im ostmittelbairischen als in südbairischen Dialekten.

Eine erste Analyse des von PP03 und PP08 des SFB „Deutsch in Österreich“ erarbeiteten Korpus erbringt erbringt Indizien, dass die Kontraktionen der Präposition auf mit bestimmten Artikeln in südbairischen Dialekten (beispielhafter Erhebungsort: Weißbriach) seltener sind als in ostmittelbairischen (Erhebungsort: Neumarkt/Ybbs) Dialekten oder solchen aus dem Übergangsgebiet (Erhebungsort: Neckenmarkt, vgl. Kim/Korecky-Kröll [Manuskript]). Dabei unterscheiden sie drei Kontexte nach Genus und Kasus des Artikels, die alle zu am kontrahiert werden können nämlich:

  1. auf + maskulin Dativ (z. B. auf dem Tisch)
  2. auf + neutral Dativ (z. B. auf dem Haus)
  3. auf + maskulin Dativ (z. B. auf den Tisch)

Abbildung 1 zeigt, dass bestimmte Artikel im Dativ (1 und 2) im südbairischen Erhebungsort seltener kontrahiert werden, als in den beiden anderen. Bestimmte Artikel im Akkusativ (3) hingegen werden in allen Erhebungsorten vergleichsweise oft kontrahiert. Die Ergebnisse dieser ersten Untersuchung sind auf Grund der niedrigen Belegzahlen jedoch nicht belastbar, weshalb größere Teile des SFB-Korpus analysiert werden müssen.

Abb_Kontraktion.pngAbbildung 1: Anteil an Kontraktionen der Präposition auf mit bestimmten Artikeln in drei Beispielorten aus dem SFB-Korpus (nach Kim/Korecky-Kröll [Manuskript])

Zu beachten ist zusätzlich, dass Schiering (2005) für das Ruhrdeutsche ebenfalls am als Kontraktionsform für auf + definiter Artikel angibt.

2.4 Diastratische Aspekte

Teil non-standardsprachlicher und standardsprachlicher Varietäten des Deutschen in Österreich

Die Ergebnisse von Kim/Korecky-Kröll [Manuskript] deuten auf eine weite Verbreitung des gegenständlichen Phänomens in gesprochenen non-standardsprachlichen (dialektalen) und (fast-)standardsprachlichen Varietäten des Deutschen in Österreich hin. Für den geschriebenen Standard belegen auch die entsprechenden Untersuchungen aus der Variantengrammatik (Dürscheid/Elspaß/Ziegler 2018) eine weite Verbreitung sowie – mit einigen Ausnahmen – die Österreichspezifik der Kontraktionsform am in Kontexten mit maskulinen oder neutralen bestimmten Artikeln im Dativ (1 und 2):

Die Kontraktionsform am in Kontexten mit Dativ wird auch aus normativer Perspektive als Teil der österreichischen Standardvarietät des Deutschen erachtet (vgl. Ebner 2008: 46). In Kontexten mit Akkusativ (3) wird sie hingegen zurückgewiesen. Zumindest in gesprochenen standardnahen Varietäten dürfte sie jedoch weit verbreitet sein (vgl. Kim/Korecky-Kröll [Manuskript]). Intra- und interindividuelle Aspekte der Variation auf der Dialekt-Standardachse müssen jedoch noch untersucht werden.

2.5 Nächste Schritte

 

Referenzen

Christiansen, Mads (2016) Von der Phonologie in die Morphologie. Diachrone Studien zur Präposition-Artikel-Enklise im Deutschen (Germanistische Linguistik. Monographien 32) Hildesheim et al.: Olms.

Dürscheid, Christa, Stephan Elspaß und Arne Ziegler (Hgg.) (2018): Variantengrammatik des Standarddeutschen. Ein Online-Nachschlagewerk. Open-Access-Publikation. Online Abrufbar unter: http://mediawiki.ids-mannheim.de/VarGra/index.php/Start (letzter Zugriff: 21.09.2020).

Ebner, Jakob (2008): Duden – Österreichisches Deutsch: Eine Einführung. Mannheim/Vienna: Dudenverlag.

Kim, Agnes und Katharina Korecky-Kröll [Manuskript]: Prepositional phrases in German in Austria – identifying patterns of variation. Wien.

Nagl, Hans Willibald (1886): Grammatische Analyse des niederösterreichischen Dialektes im Anschlusse an den als Probestück der Uebersetzung abgedruckten VI. Gesang des Roanad. Mit ausführlichem Nachschlagebuch. Wien: Carl Gerold's Sohn. Online abrufbar unter: https://fedora.phaidra.univie.ac.at/fedora/objects/o:904260/methods/bdef:Book/view (letzter Zugriff: 18.09.2020).

Nübling, Damaris (2005) Von in die über in’n und ins bis im: Die Klitisierung von Präposition und Artikel als “Grammatikbaustelle”. In: Torsten Leuschner, Tanja Mortelmans und Sarah de Groodt (Hgg.): Grammatikalisierung im Deutschen. Berlin: De Gruyter, 105-131.

Schiering, René. 2005. Flektierte Präpositionen im Deutschen? Neue Evidenz aus dem Ruhrgebiet. Zeitschrift für Dialektologie und Lingustik 72 (1). 52–79.

 

Text und Bearbeitung: Agnes Kim

Präpositionalphrasen als direktive Argumente

Präpositionalphrasen als direktive Argumente

"auf" (+AKK) als räumliches Ziel (GOAL) von Bewegungsverben

1. Beispiele und Belege

1.1 Beispiele und Belege nach Quellen

DiÖ alternative, "standarddeutsche" Variante slawische Variante Quelle
(1) auf den Hof des Königs gehen

an den Hof des Königs gehen (lt. Quelle)

zum Hof des Königs gehen

slowen. na kraljev dvor
(nicht geprüft)

Schuchardt 1884: 115
(2) auf die Altstadt gehen
in die Altstadt gehen

tschech. na Staré Město

Schuchardt 1884: 115
(3) i meiss af Apothekn
ich muss in die Apotheke

slowak. do lekárne
(lt. Quelle orthographisch inkorrekt do lekárňe)

Schuchardt 1884: 115
(4) auf den Garten [gehen]
in den Garten

slowen. na vrt
(nicht geprüft)

Schuchardt 1884: 115
(5) auf den Smichov [gehen]
nach Smichov

tschech. na Smíchov

Schuchardt 1884: 115
(6) af Wien [gehen/fahren]
nach Wien

tschech. do Vídně

Schuchardt 1884: 115
(7) gehst auf Tolmein?
gehst du nach Tolmein?

 

Schuchardt 1884: 115
(8) af zu Haus gehen nach Hause gehen / zum Haus (z'Haus) gehen

tschech. domů

Schuchardt 1884: 116
(9) fertu meiss i af nach zu Haus  

 

Schuchardt 1884: 116

 

1.2 Anmerkungen aus den Quellen

Sämtliche der Belege zu diesem Typus von Kontaktphänomenen sind ausschließlich bei Schuchardt (1884) belegt. Er schreibt es sowohl dem "Tschecho-", "Slowako-" also auch dem "Sloweno-Deutschen" und damit sowohl den west- als auch südslawischen Sprachen, deren Sprachräume direkt an das heutige Österreich grenzen, zu:

Tschechisch und Slowakisch haben vergleichbare lokale Präpositionsrepertoires, jenes des Slowenischen unterscheidet sich jedoch deutlich. Dies muss von möglichen kontrastiv ausgerichteten Studien berücksichtigt werden.

Bei den meisten der Beispiele ist auf Grund ihrer Bezeichnung als "Tschecho-", "Slowako-" oder auch "Sloweno-Deutsch" davon auszugehen, dass es sich um solche aus deutschen Lernervarietäten von Sprecherinnen und Sprechern der entsprechenden slawischen Erstsprachen handelt. Zwei dieser Beispiele, nämlich Beispiele (3) und (9) werden einer bestimmten Stadt, nämlich Modern (slowak. Modra, ungar. Modor) zugeordnet, die sich in der Westslowakei nahe Bratislavas befindet. Neben einer slowakischsprachigen Mehrheit dürften in der Stadt auch eine ungarisch- und deutschsprachige Minderheit gelebt haben. Auf Grund der Bezeichung als "Slowako-Deutsch" kann jedoch angenommen werden, dass das von Schuchardt zitierte Beispiel von einer Person mit Slowakisch als Erstsprache stammt.

Beispiel (7) stammt aus Deutschruth (slowen. [Nemški] Rut), einem Teil der deutschen Sprachinsel Zarz (Sorica) in Slowenien, und ist daher als dialektal, erstsprachlich Deutsch einzustufen. Dazu bemerkt Schuchardt (1884: 115), dass der "altvolksthümliche Gebrauch von auf nicht ausser Berücksichtung zu lassen" sei. Damit verweist er auf ein Phänomen, das auch Pohl (1989: 64) erwähnt, nämlich die (süd-)barische Präferenz, direktionale Argumente als Präpositionalphrasen mit auf (+AKK) auszudrücken, wenn das Ziel eine Stadt oder ein Ort ist (wie in Beispiel [7] Tolmein [slowen. Tolmin]) und daher das Standarddeutsche nach (+AKK) bevorzugen würde. Näheres dazu unter Punkt. 2.3.

Zu den Beispielen (8) und (9), die beide deutsch "nach Hause gehen" entsprechen, merkt Schuchardt (1884: 116) an, dass sie durch Verbindung der in "der deutschen Volkssprache" usuellen Syntagmen mit dem – seiner Analyse nach – in slawischen Lernerregistern zum Ausdruck eines räumlichen Ziels bevorzugten auf handeln könnte. Beiden Beispielen liegt dann die dialektale Konstruktion (10) zu Grunde:

z'Haus gehen (= zum Haus gehen)

2. Hinweise/Ergebnisse für Untersuchungen

Dieser Teil ist aktuell in Arbeit.

2.1 Plausibilität

 

2.2 Diachrone Aspekte

 

2.3 Areale Aspekte

 

2.4 Diastratische Aspekte

 

2.5 Bekannte Studien

 

2.6 Nächste Schritte

 

Text und Bearbeitung: Agnes Kim
Präpositionalphrasen als direktive Argumente

"auf" (+AKK) als intentionales Ziel (INTT) von Bewegungsverben

1. Beispiele und Belege

1.1 Beispiele und Belege nach Quellen

DiÖ alternative, "standarddeutsche" Variante slawische Variante Quelle
(1) auf Schwämme gehen in die Schwämme gehen

 

Masařík 1998: 140
(2) auf Holz gehen ins Holz gehen

 

Masařík 1998: 140
(3) auf (ein) Bier gehen zum Bier gehen (lt. Quelle A)

tsch. na pivo (Quelle A)

Schuchardt 1884: 115 (A); Schuchardt 1886: 347 (B); Masařík 1998: 140 (C)
(4) auf Wein gehen  

 

Schuchardt 1886: 347
(5) auf den Flam gehen bummeln

flamendrovati, flámovati, flandati

Schuchardt 1886: 337

 

1.2 Anmerkungen aus den Quellen

Sämtliche der Belege werden von den sie nennenden Autoren dem tschechisch-deutschen Kontaktraum zugewiesen. Schuchardt (1884: 115) markiert Beleg (3) als "tschecho-deutsch", schreibt den Beleg also einer Person mit tschechischer Erstsprache zu, Er ergänzt jedoch, dass ihm "derlei auch unter den Deutschen verbreitet zu sein [scheint] und da vielleicht von slawischer Einwirkung unabhängig; vgl. auf die Hochzeit gehenauf einen Löffel Suppe einladenauf einen Trunk bei Jemandem sein u. s. w."
(Schuchardt 1884: 115–116; Hervorhebungen A.K.; zu intentionalen Argumenten vgl. hier). In Schuchardt (1886: 347) ergänzt und spezifiziert er, Belege wie (3) und (4) seien "bei den deutsch-böhmischen Bauern ganz gewöhnlich" (Hervorhebungen A.K.). Ob er damit nur die deutschsprachige Landbevölkerung Böhmens oder auch jene Mährens bleibt, kann nicht erschlossen werden.

Beispiel (5) hebt sich von den restlichen dadurch ab, dass es von Schuchardt (1886: 337) nicht im Kontext von Kontaktphänomenen mit Präpositionen, sondern im Kontext von Entlehnungen Erwähnung findet. Er leitetet es von tschech. flámovati, flandati 'bummeln, umherziehen' zum Substativ flamendr, fláma 'Bummler, Randalierer' her.

Masařík (1998) befasst sich aus historischer Perspektive mit dieser deutschsprachigen Landbevölkerung Südmährens. Er verortet die von ihm genannten Belege (1–3) in den "sprachgrenznahen und gemischtsprachigen Gebieten" (Masařík 1998: 140).

 

2. Hinweise/Ergebnisse für Untersuchungen

Dieser Teil ist aktuell in Arbeit.

2.1 Plausibilität

 

2.2 Diachrone Aspekte

 

2.3 Areale Aspekte

 

2.4 Diastratische Aspekte

 

2.5 Bekannte Studien

 

2.6 Nächste Schritte

Text und Bearbeitung: Agnes Kim
Präpositionalphrasen als direktive Argumente

"auf" (+AKK) mit kontextabhängiger Interpretation als GOAL oder INTT von Bewegungsverben

1. Beispiele und Belege

1.1 Beispiele und Belege nach Quellen

DiÖ alternative, "standarddeutsche" Variante slawische Variante Quelle
(1) auf's Theater gehen ins Theater gehen

poln. na teatr

Schuchardt 1884: 115
(2) auf die Schule gehen in die Schule gehen (lt. Quelle)
auch: zur Schule gehen

poln. do szkoły

Schuchardt 1884: 115
(3) auf die Messe gehen in die Messe gehen (lt. Quelle)
auch: zur Messe gehen

tschech. na mši

Schuchardt 1884: 115
(5) auf die Predigt gehen in die Predigt gehen (lt. Quelle)
auch: zur Predigt gehen

 

Schuchardt 1884: 115
(6) auf die Leiche gehen zur Leiche/zum Begräbnis gehen

tschech. na pohřeb

Schuchardt 1884: 115
(7) auf Urlaub fahren in den Urlaub fahren

tschech. jet na dovolenou

Zeman 2003: 279;

Newerkla 2007: 40;

Newerkla 2009: 10;

Newerkla 2013: 11

 

1.2 Anmerkungen aus den Quellen

Alle genannten Beispiele stammen aus dem westslawisch-deutschen Kontaktbereich, wobei Schuchardt (1884: 115) Belege (1) und (2) als "polno-deutsch", Belege (4–6) hingegen als "tschecho-deutsch" einordnet. Sowohl in Bezug auf (1–2) also auch in Bezug auf (6) verweist er jedoch auf vergleichbare Konstruktionen im Deutschen und zwar wie folgt:

[...] wobei deutsch auf eine Schule gehen, auf den Ball gehen u. s. w. nahe genug liegen, [...]
(Schuchardt 1884: 115 in Bezug auf [1–2])

Doch scheint mir derlei auch unter den Deutschen verbreitet zu sein [scheint] und da vielleicht von slawischer Einwirkung unabhängig; vgl. auf die Hochzeit gehenauf einen Löffel Suppe einladenauf einen Trunk bei Jemandem sein u. s. w.
(Schuchardt 1884: 115–116 in Bezug auf [6])

Beispiel (6) konnte in einer der von Schuchardt systematisch verwendeten Quellen gefunden werden, nämlich in Heinrich (1875: 128). Dort merkt der Autor an:

Fehlerhaft sagt man in Böhmen und Mähren: Wir gehen auf die Leiche, statt: zum Begräbnisse.

Beispiel (7) wird erst ab dem Beginn des 21. Jahrhunderts in der Literatur beschrieben. Zeman (2003) nennt es im Kontext einer Liste von "Gemeinsamkeiten [zwischen dem österreichischen Deutsch und dem Tschechischen] im Gebrauch von Präpositionen und der Rektion" (ebd.: 275–279). Nähere Anmerkungen zum Beleg macht er nicht. Newerkla (2009: 10) ordnet es der "deutschen Verkehrs- und Umgangssprache in Wien (und Österreich)" zu bzw. in eine Reihe von Präpositionalfügungen, die ihm zufolge "wohl insbesondere durch areale Verbindungen mit dem Tschechischen bzw. Slowakischen zu erklären" (Hervorhebungen A.K.) sind, ein. Er geht demnach von konvergenten bzw. einander stützenden Entwicklungen in den Kontaktsprachen aus.

 

2. Hinweise/Ergebnisse für Untersuchungen

Dieser Teil ist aktuell in Arbeit.

2.1 Plausibilität

 

2.2 Diachrone Aspekte

 

2.3 Areale Aspekte

 

2.4 Diastratische Aspekte

 

2.5 Bekannte Studien

 

2.6 Nächste Schritte

 

Text und Bearbeitung: Agnes Kim
Präpositionalphrasen als direktive Argumente

"auf" (+AKK) als direktives Argument von anderen Verben

1. Beispiele und Belege

1.1 Beispiele und Belege nach Quellen

DiÖ alternative, "standarddeutsche" Variante slawische Variante Quelle
(1) auf beide Füsse bekam er Fesseln
an beide Füße bekam er Fesseln

tsch. na obě nohy mu dali pouta

Schuchardt 1884: 115 (nach Burian 1839: 260 / Burian 1843: 315)
(2) stelle den Braten auf die Küche
stelle den Braten in die Küche

poln. kuchnia

Schuchardt 1884: 115 (nach w 1884: 29)

 

1.2 Anmerkungen aus den Quellen

Beide der Beispiele werden ausschließlich bei Schuchardt (1884) genannt, vergleichbare finden sich in anderen wissenschaftlichen Werken zum deutsch-slawischen Sprachkontakt nicht. Allerdings können beide auf von Schuchardt verwendete, teilweise jedoch nicht offen zitierte Quellen zurückverfolgt werden:

Beispiel (1) zitiert Schuchardt (1884) offen aus Burian (1839/1843), einem Tschechischlehrbuch, wobei er die deutsche Version als Übersetzung eines tschechischen Originals ausweist.

Beispiel (2) geht auf den Zeitungsartikel w (1884: 29) zurück. Dort wird das Beispiel folgendermaßen wiedergegeben:

Kind, gehe und stelle den Braten auf die Küche, damit er warm bleibt, bis der Vater zum Abendessen nach Hause kommt.

Schuchardt (1884) weist – den anonymen Autor des Zeitungsartikels aufgreifend – darauf hin, dass "der Polonismus eher im Substantiv" liege, da kuchnia auch 'Kochherd' bedeute. Damit weist er selbst eine Kontakterklärung als unwahrscheinlich aus.

 

2. Hinweise/Ergebnisse für Untersuchungen

Dieser Teil ist aktuell in Arbeit.

2.1 Plausibilität

 

2.2 Diachrone Aspekte

 

2.3 Areale Aspekte

 

2.4 Diastratische Aspekte

 

2.5 Bekannte Studien

 

2.6 Nächste Schritte

 

 

Text und Bearbeitung: Agnes Kim
Präpositionalphrasen als direktive Argumente

"an" (+AKK) als direktives Argument

1. Beispiele und Belege

1.1 Beispiele und Belege nach Quellen

DiÖ alternative, "standarddeutsche" Variante slawische Variante Quelle
der Habicht stösst an die Taube

der Habicht stößt auf die Taube (lt. Quelle)

eher: der Habicht stürzt sich auf die Taube

tsch. jestřáb vráží na holuba

Schuchardt 1884: 116

 

1.2 Anmerkungen aus den Quellen

Diesen Einzelbeleg weist Schuchardt (1884) einerseits als "Tschecho-Deutsch" aus, andererseits gibt er auch dei Quelle an, aus der er ihn bezogen hat, nämlich aus Jungmann (1835–1839: Bd. V, 176) und zwar aus dem Wörterbuchartikel zu wraziti (vrazit). Das oben zitierte Beispiel ist – als Übersetzung der tschechischen Variante, die im Original orthographisch als Gestřáb wrážj na holuba wiedergegeben ist – enthält eigentlich die 3. Person Singular Präsens der imperfektiven Entsprechung des Verbs, nämlich vrážet, wenngleich es unter folgender Verwendungsweise der perfektiven Variante vrazit angeführt ist:

§ WRAZITI = doraziti, udeřiti na něco, neb do něčeho wskočiti, wřepiti se, hineinstürzen, sprengen, einfallen

Die restlichen Beispiele zu dieser Bedeutung stammen tendenziell aus dem militärischen Bereich (z. B. Nepřátelé do země wrazili 'Die Feinde fielen in das Land ein, Tako zluti sie wz Tatari trci, ciesie za niem iako krupobitie wrazi kruto na Kublaienica [aus der sogenannten Königinhofer Handschrift; Übersetzung aus der Ausgabe von Hanka (1829: 134–135)] 'So ergrimmt stürmt er los auf die Tatarn. Nach die Böhmen ihm wie Hagelwetter. Wüthend sprengt er auf den Sohn des Kublay [...]'). Wie die beiden Beispiele zeigen, variieren in ihnen die Präpositionen do 'in' und na 'auf'.

Die deutsche Übersetzung des tschechischen Belegs ist – zumindest aus aktueller Perspektive – nicht nur ob der Präpositionswahl nur eingeschränkt akzeptabel (vgl. die "alternative Variante" oben). Sie stammt jedoch auch nicht direkt aus Jungmann (1835–1839), sondern aus Dobrovský (1802–1821: Bd. 2, 254) als Beleg für die – in seiner Analyse – intransitive Variante (markiert als "v. n." – verbum nominativem) des Verbs stoßen. In dieser wird das gegenständliche Verb als Bewegungsverb mit direktivem Argument verwendet, wobei seine Beispielen PPs mit den folgenden deutschen Präpositionen umfassen (in Klammern werden die von Dobrovský angeführten tschechischen Entsperchungen angeführt, die jedoch teilweise den Status eines reinen Kasus- oder Präpositionalarguments haben): an (~ tschech. na), in (~ tschech. na), in (~ tschech. k / Prep.arg.), an (~ tschech. AKK), an (~ tschech. s / Prep.arg.), vom (~ tschech. od).

 

2. Hinweise/Ergebnisse für Untersuchungen

Dieser Teil ist aktuell in Arbeit.

2.1 Plausibilität

 

2.2 Diachrone Aspekte

 

2.3 Areale Aspekte

 

2.4 Diastratische Aspekte

 

2.5 Bekannte Studien

 

2.6 Nächste Schritte

 

Text und Bearbeitung: Agnes Kim
Präpositionalphrasen als direktive Argumente

"in" (+AKK) als direktives Argument

1. Beispiele und Belege

1.1 Beispiele und Belege nach Quellen

DiÖ alternative, "standarddeutsche" Variante slawische Variante Quelle
(1) wie ich in Prželautsch kam wie ich nach Prželautsch kam

tsch. na Přelouč

Schuchardt 1884: 116
(2) er schmiss ihr den Krug in den Kopf
er schmiss ihr den Krug an den Kopf

tsch. žbán jí na hlavu vrazil

Schuchardt 1884: 116
(3) er schlug ihn mehrmals in den Kopf
 

 

Schuchardt 1886: 347

 

1.2 Anmerkungen aus den Quellen

Der nicht kanonische Gebrauch der Präposition in (+AKK) in direktiven Argumenten wird ausschließlich von Schuchardt (1884) bzw. Schuchardt (1886) verzeichnet. In Beispiel (1) ist es ein direktives Argument eines Bewegungsverbs, es ist also als als directed-motion construction (Gerichtete-Bewegungskonstruktion) analysierbar. Beispiele (2) und (3) sind hingegen reihenbildend, da beide eine caused-motion construction (Verursachte-Bewegungskonstruktion) darstellen.

In allen drei Fällen ist die Quelle, auf die sich Schuchardt bezieht, rekonstruierbar:

Beispiel 1 entnimmt Schuchardt (1884) dem Singspiel Hanns Klachls Zweyter Theil (Steinsberg 1797b: 85), wobei die entsprechende Replik von einer deutschsprachigen Figur, einem Müller gesprochen wird.

Beispiel 2 stammt aus Jungmann (1835–1839: Bd. V, 176) und zwar aus dem Wörterbuchartikel zu wraziti (vrazit) 'mit Gewalt hieinthun, hineinstoßen, einschlagen, einstecken', genauer als Beleg für das Valenzmuster wraziti něco na něco 'anschlagen'. Im Original lautet das Beispiel in der sogenannten "analogen Orthographie":

žbán gi na hlawu wrazil, er schmieß ihr den Krug in Kopf

Das tschechische Beispiel dürfte ähnlich wie ein weiteres, in der deutschen Übersetzung vergleichbar gebildetes von Jungmann selbst stammen, da er es keiner Quelle zuweist, sondern als "Us[us]" markiert:

Wrazjim ti kámen do hlawy [vrazím ti kámen do hlavy], einen Stein in den Kopf schlagen, an den Kopf werfen
(Jungmann 1835–1839: Bd. V, 176)

Daher ist davon auszugehen, dass die Überstetzung ebenfalls auf Jungmann zurückgeht.

Wie Beispiel 3 zeigt, dürfte es sich bei diesem Muster jedoch nicht um eine Idiosynkrasie Jungmanns handeln. Dieses zitiert Schuchardt (1886) nämlich aus der Anklageschrift in der sogenannten "Königinhofer Affäre".

 

2. Hinweise/Ergebnisse für Untersuchungen

Dieser Teil ist aktuell in Arbeit.

2.1 Plausibilität

 

2.2 Diachrone Aspekte

 

2.3 Areale Aspekte

 

2.4 Diastratische Aspekte

 

2.5 Bekannte Studien

 

2.6 Nächste Schritte

 

Text und Bearbeitung: Agnes Kim
Präpositionalphrasen als direktive Argumente

"zu" (+DAT) als direktives Argument

1. Beispiele und Belege

1.1 Beispiele und Belege nach Quellen

DiÖ alternative, "standarddeutsche" Variante slawische Variante Quelle
die Ankunft zu ihm erfolgte an demselben Tage die Ankunft bei ihm erfolgte an demselben Tage

poln. wstępowanie oder zajeżdżanie do niego (nicht geprüft)

Schuchardt 1884: 117

 

1.2 Anmerkungen aus den Quellen

Schuchardt (1884) weist diesen Einzelbeleg als "Polno-Deutsch" aus, was trotz der fehlenden offenen Zitation zulässt, den Beleg auf Bernd (1820: 418) zurückzuführen (dazu vgl. Kim 2020: 119–121) und damit auf eine Quelle, die sich nicht auf einen innerhalb der Habsburgermonarchie gelegenen Kontaktbereich bezieht.

Bernd (1820: 418) wiederum führt den Beleg im Wörterbuchartikel zum Lemma zu an und zwar als "unrichtige" Verwendung anstelle von bei. Die angeführte "slawische Variante" stammt von Schuchardt selbst, nicht von Bernd.

 

2. Hinweise/Ergebnisse für Untersuchungen

Dieser Abschnitt wird gerade bearbeitet.

2.1 Plausibilität

 

2.2 Diachrone Aspekte

 

2.3 Areale Aspekte

 

2.4 Diastratische Aspekte

 

2.5 Bekannte Studien

 

2.6 Nächste Schritte

 

Text und Bearbeitung: Agnes Kim
Präpositionalphrasen als direktive Argumente

Argumente/Angaben zur Spezifikation des Weges (PATH) einer Bewegung

1. Beispiele und Belege

1.1 Beispiele und Belege nach Quellen

DiÖ alternative, "standarddeutsche" Variante slawische Variante Quelle
(1) durch die Brücke gehen
über die Brücke gehen

poln. przez most

Schuchardt (1884: 116)
(2) ich gehe über die Stadt ich gehe durch die Stadt

 

Schuchardt (1884: 116)

 

1.2 Anmerkungen aus den Quellen

Bei der ersten Betrachtung der Beispiele fällt ihre Komplementarität ins Auge. Beispiel (1) wird von Schuchardt (1884: 116) als Polonismus geführt und stammt wörtlich aus Bernds (1820: 47) Wörterbuchartikel zur Präposition durch. Beispiel (2) hingegen geht auf w (1884: 29) zurück und wird in diesem Artikel – wie auch von Schuchardt – in Czernowitz (ukrain. Чернівці) verortet. Dort heißt es als Erklärung wörtlich:

Und ähnlich [wie bei dem Beispiel auf die Küche stellen] ist die echt Czernowitzer Redeweise: „Ich gehe über die Stadt,“ was nicht etwa heißen soll: „Ich schreite hoch oben in den Lüften über die Stadt hinweg,“ sondern lediglich: „Ich gehe über den Ringplatz,“ denn in Czernowitz hießt der Ringplatz im Volksmunde „die Stadt“ par excellence.

Diese Ausführungen werden auch von Schuchardt (1884: 116) sinngemäß wiederholt.

 

2. Hinweise/Ergebnisse für Untersuchungen

Dieser Abschnitt wird aktuell bearbeitet!

2.1 Plausibilität

 

2.2 Diachrone Aspekte

 

2.3 Areale Aspekte

 

2.4 Diastratische Aspekte

 

2.5 Bekannte Studien

 

2.6 Nächste Schritte

Text und Bearbeitung: Agnes Kim

 

Präpositionalphrasen als direktive Argumente

Argumente/Angaben zur Spezifikation des Ursprungs (SOURCE) einer Bewegung

1. Beispiele und Belege

1.1 Beispiele und Belege nach Quellen

DiÖ alternative, "standarddeutsche" Variante slawische Variante Quelle
(1) er kommt von Agram her aus Agram kommen

serb. od Zagreba

Schuchardt (1884: 117)
(2) geboren von der Požeganer Gegend her aus der Požeganer Gegend geboren sein

serb. od Požege

Schuchardt (1884: 117)

 

1.2 Anmerkungen aus den Quellen

Beide der Belege zitiert Schuchardt (1884: 117) offen aus Berlić (1854: 145), wo es im Kapitel zu den Präpositionen lautet:

14.) od zeigt eine Trennung oder einen Ursprung an; örtlich: von, von her: dolazi od Zagreba, er kommt ovn Agram her; rodom, od Požege, geboren von der Požeganer Gegend her;

Daher sind die Belege im südslawisch-deutschen Kontaktbereich anzusiedeln.

 

2. Hinweise/Ergebnisse für Untersuchungen

Dieser Abschnitt wird aktuell bearbeitet!

2.1 Plausibilität

 

2.2 Diachrone Aspekte

 

2.3 Areale Aspekte

 

2.4 Diastratische Aspekte

 

2.5 Bekannte Studien

 

2.6 Nächste Schritte

 

 

Text und Bearbeitung: Agnes Kim

Präpositionalphrasen als lokale Argumente

Präpositionalphrasen als lokale Argumente

"auf" (+DAT) als lokales Argument

1. Beispiele und Belege

1.1 Beispiele und Belege nach Quellen

DiÖ alternative, "standarddeutsche" Variante slawische Variante Quelle
(1) af Altstadt
in der Altstadt

tschech. na Starém Městě

Schuchardt 1884: 115
(2) af nexbeste Wirthshaus
im nächstbesten Wirtshaus

tschech. v hostinci

Schuchardt 1884: 115
(3) auf dem Garten im Garten

slowen. na vrtu (nicht geprüft!)

Schuchardt 1884: 115
(4) auf dem Himmel am (= an dem) Himmel

slowen. na nebu (nicht geprüft)

Schuchardt 1884: 115
(5) auf dem Hof
 

tschech. na dvoře

Newerkla 2007: 39;

Newerkla 2009: 10;

Newerkla 2013: 9

(6) auf dem Konzert
 

tschech. na koncertě

Newerkla 2007: 39;

Newerkla 2009: 10;

Newerkla 2013: 9

(7) auf dem Markt
 

tschech. na trhu

Newerkla 2007: 39;

Newerkla 2009: 10;

Newerkla 2013: 9

(8) auf der Post
 

tschech. na poště

Newerkla 2007: 39;

Newerkla 2009: 10;

Newerkla 2013: 9

(9) auf der Universität
 

tschech. (být) na univerzitě

Newerkla 2007: 39;

Newerkla 2009: 10;

Newerkla 2013: 9

(10) waren-s gestern af Kirchen? Waren Sie gestern in der Kirche?

slowak. v kostole

Schuchardt 1884: 115
(11) auf dem Thore stehen
an dem Tor stehen

poln. na bramie [sic!] (nicht geprüft!)

Schuchardt 1884: 115
(12) auf der Sonne stehen
in der Sonne stehen

slowen. na solncu (nicht geprüft!)

Schuchardt 1884: 115
(13) ich bleibe auf der alten Wohnung
ich bleibe in der alten Wohnung

slowen. v/na starem stanovanji (nicht geprüft!)

Schuchardt 1884: 115
(14) auf den Zähnen krank sein
an den Zähnen krank sein

poln. na zę̨by (nicht geprüft!)

Schuchardt 1884: 115
(15) auf dieser Stelle sagt Petrus
an dieser Stelle sagt Petrus

slowen. na tom mestu (nicht geprüft!)

Schuchardt 1884: 115

 

1.2 Anmerkungen aus den Quellen

Zur syntaktischen Position der angeführten Beispiele

Wie im Überblickskapitel zu den Kontaktphänomenen mit Präpositionen angeführt, werden hier sowohl lokale Präpositionalphrasen mit Adverbial- als auch Argumentstatus behandelt, wobei die Grenze im Falle der Beispiele (1–9) auf Grund des Fehlens des Prädikats nicht eindeutig zu ziehen ist. Vielmehr könnten – wie in (16) angedeutet – die entsprechenden Präpositionalphrasen sowohl als Adverbial als auch als Argument gebraucht werden.

(16)   a) auf dem Markt stehen/sitzen/bleiben ... → Argumentstatus
         b) auf dem Markt jemandem etwas vortanzen/Gemüse einkaufen ... → Adverbialstatus

Beispiele (10–13) sind auf Grund ihre Prädikats als lokale Argumente zu analysieren, wohingegen Beispiele (14–15) Adverbialstatus zukommt. Auch in diesen Fällen ist jedoch – wie (17) exemplifiziert – denkbar, durch Austausch des Verbs den syntaktischen Status zu verändern. Diese Nähe zu den Adverbialen unterscheidet einerseits lokale Argumente von den direktiven und rechtfertigt andererseits, alle lokalen Phrasen gemeinsam zu behandeln.

(17)   a) auf der Stelle stehen/sitzen/bleibenArgumentstatus
         b) auf der Stelle etwas sagen/jemandem etwas vortanzenAdverbialstatus

 

Zur Verortung der Beispiele im varietären Spektrum

Interessant ist zunächst, dass keine der von Schuchardt (1884) genannten Beispiele in jüngerer Literatur wiederholt werden, die bei Newerkla (2007, 2009, 2013) erwähnten hingegen umgekehrt auch nicht von Schuchardt (1884) angeführt werden. Ob dies Indikatoren für eine eventuelle diachrone Verteilung sind, ist zu prüfen (vgl. unten). Hier werden die Hinweise zur Verortung im varietären Spektrum des Deutschen getrennt nach Quellen gegeben.

Schuchardt (1884: 115) listet sowohl als "tschecho-deutsche" (Beispiele [1–2]), "polno-deutsche" (Beispiele [11] und [14]) als auch "sloweno-deutsche" (Beispiele [3–4], [12–13] und [15]) Belege. Beispiel (10) stammt aus Modern (slowak. Modra, ungar. Modor), einer Stadt nahe Bratislavas. Auf Grund der Bezeichnungen ist davon auszugehen, dass alle Belege Personen mit slawischer Erstsprache zugeschrieben werden. Beispiel (15) stammt ihm zufolge "aus einer Predigt".

Newerkla (2007, 2009, 2013) beschreibt die von ihm genannten Beispiele (5–9) im Kontext von linguistischen Konvergenzprozessen in Zentraleuropa. Dabei stellt er die genannten Beispiele in den Kontext einer generellen "gehäuften [Newerkla (2013: 253): "extensive and unmarked"] Verwendung des Vorworts auf bei Ortsangaben" als "auffälliges Merkmal des gesprochenen Deutschen in Österreich [...] im Vergleich zum Standarddeutschen" (Newerkla 2007: 39). Auf Grund des kontrastiv-areallinguistischen Zugangs nennt er folgende Äquivalente in zentraleuropäischen Sprachen:

  Tschechisch Slowakisch Polnisch Slowenisch Ungarisch
auf der Universität na univerzitě na univerzite przy uniwersytecie na univerzi az egyetemen
auf der Post na poště na pošte na poczcie na pošti a postán
auf dem Hof na dvoře na dvore na podwórzu na dvoru/dvorišču az udvaron
auf dem Konzert na koncertě na koncerte na koncercie na koncertu a koncerten
auf dem Markt na tržišti na trhovisku na targu na trgu/tržišču a piacon

In dem einzigen Fall, in dem in diesen zentraleuropäischen Sprachen nicht die dem deutschen auf in Bezug auf die Positionspezifikation (quasi-)equivalente Präposition bzw. das ihr (quasi-)equivalente Suffix verwendet wird, bei poln. przy uniwersytecie 'bei/an der Universität' merkt Newerkla (2007: 39) an, dass mit bestimmten Verben, z. B. studiować 'studieren' oder wykładać 'unterrichten', ebenfalls die Präposition na 'auf' selegiert wird.

 

Zur Herkunft einzelner Beispiele

Für manche der von Schuchardt (1884) angeführten Beispiele lässt sich eine – in keinem der Fälle offen zitierte Quelle – identifizieren (zur Vorgehensweise vgl. Kim 2020: 119–121):

Beispiel (1) stammt aus Ebert (1833: 25), genauer einem Kapitel, das "Höchst widersinnige und lächerliche Original-Adressen von Briefen, die an das Prager Postamt gelangten" enthält. Neben dem von Schuchardt zitierten Beispiel finden sich weitere analoge, die hier im Anschluss ebenfalls wiedergegeben werden:

An Herrn N. N. Bizi Hausknecht af Altstadt im Gasthof (Ebert 1833: 25)
An die Wittitte Frau M. auf der Neustadt in die Gasse, wo das höchste Haus ist in 2ten Stock (Ebert 1833: 25)
An Herrn Vogelhändler, auch abgerichten Simpel Wohlgeboren auf dem Viehmarkt linker Hand (Ebert 1833: 26)
An die Frau N. N. Mutter von der Tochter Eva in Prag auf der Oldestodt in Schlachtbank in eigene Haus (Ebert 1833: 27)
Dieses Brief an maine Bruder Vatzlav Czuchal Wohlgebohrener Fischjäger af kleine Rink. E is auch schröckliches Grobian. (Ebert 1833: 28)
Seyds so guit und gibts den Brif maner Tochter Sabindl, dient's wie's mir schrieben hat in "rothes Uren" af Altstodt Prag (Ebert 1833: 31)

Beispiel (3) konnte in Heinrich (1875: 128) gefunden werden. In einem Kapitel zu – in seiner Definition – lokalen Adverbialen merkt der Autor an als Ergänzung zu einer an die Schüler gerichteten Aufgabe, Sätze mit "Ortsbestimmungen im Dativ", die von bestimmten Präpositionen regiert werden, zu bilden, in Krain sei folgendes Beispiel "fehlerhaft":

Auf (statt in) dem Garten blüht ein Apfelbaum.

Beispiel (11) findet sich in dem anonymen Zeitungsartikel w (1884: 29), der das Beispiel asl "echt polnisch" beschreibt. Der volle Beleg lautet:

Mein Diener ist ein fauler Kerl, er will nichts arbeiten und möchte am liebsten den ganzen Tag über mit der Pfeife im Munde auf dem Thore (statt bei'm Thore) stehen.

Beispiel (14) stammt wie viele Belege aus dem polnisch-deutschen Kontaktbereich aus Bernd (1820: 376). An dieser Stelle ergänzt der Autor seinen Wörterbuchartikel zum Lemma auf um die Bemerkung, die Präposition würde "nach dem P.[olnischen]" "unrichtig für an" verwendet, z. B. wie auch oben zitiert:

Auf den Zähnen krank sein, von Kindern am Zahnen leiden.

 

2. Hinweise/Ergebnisse für Untersuchungen

Dieser Abschnitt wird aktuell bearbeitet!

2.1 Plausibilität

 

2.2 Diachrone Aspekte

 

2.3 Areale Aspekte

 

2.4 Diastratische Aspekte

 

2.5 Bekannte Studien

 

2.6 Nächste Schritte

 

Text und Bearbeitung: Agnes Kim
Präpositionalphrasen als lokale Argumente

"bei" (+ "Tisch"-DAT) als lokales Argument

1. Beispiele und Belege

1.1 Beispiele und Belege nach Quellen

DiÖ alternative, "standarddeutsche" Variante slawische Variante Quelle
 bei Tisch sitzen
am Tisch sitzen

 tschech. sedět u stolu 

Newerkla 2007: 39;

Newerkla 2009: 10;

Newerkla 2013: 9

 

1.2 Anmerkungen aus den Quellen

In sämtlichen der oben genannten Publikationen – hier in der Folge zitiert nach Newerkla (2007: 39) – beschreiben das Phänomen im größeren Rahmen arealer Konvergenzprozess in den zentraleuropäischen Sprachen Ungarisch, Tschechisch, Slowakisch, Polnisch, Slowenisch und eben DiÖ, die allesamt vergleichbare Muster mit Präpositionen bzw. Suffixen entwickelt haben, die eine Position in der unmittelbaren Nähe des inneren Arguments der PP (also des Tisches) spezifizieren:

ungar. asztalnál ül[n]
tschech. sedět u stolu
slowak. sedieť pri stole
poln. siedzieć przy stole
slowen. sedeti pri mizi

Aus den Ausführungen geht hervor, dass Newerkla dieses Phänomen auch standard(nahen) Varietäten zuschreibt, ihm jedoch darüber hinaus – in der Folge des Zerfalls der mehrsprachigen Habsburgermonarchie – rückläufige Tendenz attestiert:

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch areale Konvergenzprozesse, die beispielsweise im Bereich des Satzbaus zwischen dem Deutschen in Österreich und den mitteleuropäischen Sprachen noch zur Zeit der Habsburgermonarchie wirksam waren, zumindest für das heutige Deutsche in Österreich auch nicht länger im selben Ausmaß Geltung haben. [...], doch findet man heute auch in Österreich nichts länger dabei, am Tisch zu sitzen (vgl. engl. to sit at the table). (Newerkla 2007: 39)

 

2. Hinweise/Ergebnisse für Untersuchungen

Dieser Abschnitt wird aktuell bearbeitet!

2.1 Plausibilität

 

2.2 Diachrone Aspekte

 

2.3 Areale Aspekte

 

2.4 Diastratische Aspekte

 

2.5 Bekannte Studien

 

2.6 Nächste Schritte

 

 

Text und Bearbeitung: Agnes Kim
Präpositionalphrasen als lokale Argumente

"zwischen" (+DAT) als lokales Argument/Adverbial

1. Beispiele und Belege

1.1 Beispiele und Belege nach Quellen

DiÖ alternative, "standarddeutsche" Variante slawische Variante Quelle
(1) es waren welche zwischen der Gesellschaft
es waren welche unter der Gesellschaft

poln. między towarzysrwem

Schuchardt (1884: 117)
(2) zwischen uns unter uns / zwischen uns

slowak. medzi nami

Schuchardt (1884: 117)

 

1.2 Anmerkungen aus den Quellen

Beide Beispiele stammen aus dem westslawischen Kontaktbereich, wobei Schuchardt (1884: 117) Beispiel (2) deutschsprachigen Personen aus der Slowakei zuweist, wo es seiner Auskunft zufolge sowohl unter uns im Sinne von 'Teil einer Gruppe' als auch zwischen uns im Sinne von 'räumlich zwischen zwei Personen' bedeuten kann. Das "polno-deutsche" Beispiel (1) übernimmt er wörtlich – wie viele seiner Belege aus dem polnisch-deutschen Kontaktraum – aus Bernd (1820: 418).

2. Hinweise/Ergebnisse für Untersuchungen

2.1 Plausibilität

 

2.2 Diachrone Aspekte

 

2.3 Areale Aspekte

 

2.4 Diastratische Aspekte

 

2.5 Bekannte Studien

 

2.6 Nächste Schritte

 

Text und Bearbeitung: Agnes Kim

Präpositionalphrasen als Präpositionalargumente

Präpositionalphrasen als Präpositionalargumente

Rektion des Verbs "vergessen"

1. Beispiele und Belege

1.1 Beispiele und Belege nach Quellen

DiÖ alternative, "standarddeutsche" Variante slawische Variante Quelle
(1) auf jmdn./etw. vergessen
jmdn./etw. [AKK] vergessen

tschech. zapomenout na někoho/něco 

Schuchardt 1886: 324;
Muhr 1995: 226;
Zeman 2003: 275, 278, 309;
Newerkla 2007: 40;
Newerkla 2009: 10;
Newerkla 2013: 255

(2) dass ich auf den Tölpel und Esel vergaß
dass ich den Tölpel und Esel vergaß

tschech. že jsem na hňupa i na osla zapomenul

Schuchardt 1884: 118
(3) wenn du ihn nicht darauf erinnern wirst, so wird er darauf vergessen […] so wird er es vergessen

 

Schuchardt 1884: 118
(4) an etwas vergessen
etwas [AKK] vergessen

 

Schuchardt 1884: 118
(5) von Etwas vergessen etwas [AKK] vergessen

 

Schuchardt 1884: 119
(6) dass ich von jedem Grusse vergass dass ich jeden Gruß vergaß

 

Schuchardt 1884: 119

 

1.2 Anmerkungen aus den Quellen

Sämtliche der in der Literatur genannten Beispiele haben gemein, dass Sie die Realisierung des PATIENS-Arguments des Verbs vergessen in Form eines Präpositionalarguments anstatt eines Kasusarguments (AKK) dokumentieren. Sie variieren wiederum untereinander in der Präpositionsselektion, weshalb in der Folge drei Typen unterschieden werden:

1.2.1 vergessen [auf + AKK]

Typ 1, die Realisierung des Präpositionalarguments mit der Präposition auf, wird beginnend mit der Diskussion bei Schuchardt (1884: 118) bis ins 21. Jahrhundert hinein wiederholt im Kontext des deutsch-tschechischen Sprachkontakts erwähnt. Die entsprechenden Kommentare werden hier chronologisch abgehandelt.

Schuchardt (1884: 118) eröffnet seine Diskussion des Phänomens mit Beispiel (2), das ebenso wie die angegebene tschechische Variante aus Steinsberg (1797a: 75) stammt. Im Original findet es sich in einem Monolog der Titelfigur Hans Klachl, in der dieser über seine seine Erlebnisse bei der Erkundung Prags berichtet, in deren Zuge er sowohl als "Esel/osel" als auch als "Tölpel/hňup" beschimpft wurde, auf diese Beschimpfungen jedoch auf Grund des Kaufs und Genusses zahlreicher Würste vergessen hätte.

Schuchardt (1884: 118) verweist zusätzlich auf eine zeitgenössische Diskussion darüber, ob das "nun ganz allgemein-östreichisch" (Hervorhebung A.K.) gewordene, also "nicht nur in den Leitartikeln der ersten Zeitungen, in den besten Romanen, in wissenschaftlichen Werken […] [und] in der Poesie" verwendete Präpositionalargument mit auf auf Sprachkontakt zurückzuführen wäre oder nicht. Er selbst vertritt in diesem Zusammenhang die folgende Meinung:

[…] dass sie so viel ich sehe keineswegs eine altvolksthümliche ist und dass wir andere Beispiele von weit vorgeschobenen Slawismen haben. (Schuchardt 1884: 118)

Als Autoren, die die gegenseitige Position vertreten und dazu tendieren, vergessen [auf + AKK] als nicht kontaktbedingt zu interpretieren, nennt er Halatschka, Stieler (wohl in persönlicher Korrespondenz) sowie Bechstein. Halatschka etwa bezeichnet in seiner Abhandlung zur Zeitungssprache (Halatschka 1883: 32) das Phänomen als "überhaupt [d.h. allgemeinen] bairischen" Austriazismus. Schuchardt (1884: 118) vermutet, dass das Präpositionalargument mit auf im Deutschen in Österreich durch vergleichbare Valenzmuster anderer kognitiver Verben gestützt wurde und bringt in diesem Zusammenhang Beispiel (2) aus Burian (1843: 272). Dort wiederum ist der Satz Teil einer Übersetzungsübung zu tschechischen Verben auf -ovat (hier: upamatovat(i) 'erinnern'), die auszugsweise in der folgenden Abbildung dargestellt wird.